Die meisten Konflikte im Team entstehen nicht aus bösem Willen. Sondern weil jede Person auf etwas anderes optimiert.
Freitag, 16:30 Uhr
Wer sich anders verhält als du, ist nicht unvernünftig. Er gewinnt nur ein anderes Spiel.
Stell dir vor: Freitag, kurz vor halb fünf. Ein Problem taucht auf, das bis Montag gelöst sein sollte. Drei Leute im Team reagieren völlig unterschiedlich.
Anna klappt um 17 Uhr den Laptop zu. Ihre Tochter hat Geburtstag.Spielt: Zeit
Ben bleibt bis 22 Uhr. Im Frühjahr wird eine Teamlead-Stelle frei.Spielt: Beförderung
Chris fragt, ob die Stunden als Überstunden zählen.Spielt: Fairness beim Geld
Und du als Führungskraft? Vielleicht denkst du: Ben ist engagiert, Anna nicht, und Chris ist kleinlich. Das ist die bequeme Erklärung. Sie ist auch falsch.
Alle drei handeln vollkommen vernünftig, nur eben in ihrem eigenen Spiel. Wer das nicht sieht, führt drei Menschen so, als würden alle Schach spielen. Dabei spielt nur einer Schach.
Spieltheorie in 90 Sekunden
Ein Spiel hat Spieler, Züge und Auszahlungen. Was als Gewinn zählt, legt jeder selbst fest.
Spieltheorie klingt nach Mathe, ist im Kern aber sehr menschlich. Sie fragt: Wie entscheiden sich Menschen, wenn das Ergebnis auch davon abhängt, was andere tun?
Jedes Spiel hat drei Zutaten:
- Spieler
- Wer entscheidet.
- Züge
- Was jede Person tun kann.
- Auszahlung
- Was am Ende für jemanden dabei herauskommt. Und hier wird es spannend.
In Lehrbüchern ist die Auszahlung meist Geld oder Punkte. Im echten Leben ist sie das, was einem Menschen gerade wichtig ist: Zeit, Geld, ein Titel, ein Dienstwagen, Sicherheit, Sinn. Für jeden etwas anderes, und oft nicht ausgesprochen.
Gleicher Tisch, andere Spiele. Wer Schach spielt, hält den Go-Spieler für planlos. Wer Go spielt, hält die Schachspielerin für kurzsichtig. Beide haben recht, in ihrem Spiel.
Welches Spiel spielst du?
Kläre zuerst dein eigenes Spiel. Dann frag nach dem der anderen, statt es zu erraten.
Probier es aus. Stell ein, wie wichtig dir diese sechs Dinge gerade sind. Dann schätze dasselbe für eine Person, mit der es öfter knirscht: deine Führungskraft, ein Kollege, jemand aus deinem Team.
Ein Hinweis: Was du für dein Gegenüber eingestellt hast, ist eine Vermutung. Genau darum geht es. Die meisten von uns vermuten, statt zu fragen.
Woran würdest du merken, dass jemand ein anderes Spiel spielt als du, bevor es kracht?
Nimm dir zehn Sekunden. Ehrlich.Das Gefangenendilemma im Büro
Zusammenarbeit entsteht nicht aus Freundlichkeit. Sie entsteht dort, wo man sich wiedersieht.
Das bekannteste Spiel der Spieltheorie geht so: Zwei Personen können zusammenarbeiten oder auf eigene Rechnung spielen. Arbeiten beide zusammen, gewinnen beide ordentlich. Spielt eine auf eigene Rechnung, während die andere hilft, gewinnt sie viel und die andere geht leer aus. Spielen beide auf eigene Rechnung, bleibt für beide wenig.
In einer einzelnen Runde lohnt sich rein rechnerisch immer die eigene Rechnung. Das Tückische: Wenn beide so denken, stehen beide schlechter da. Im Büro sieht das so aus: Wissen horten, Fehler verschweigen, Erfolge für sich verbuchen.
Spiel ein paar Runden. Wie viele? Verrate ich nicht.
Programme traten 1980 in Robert Axelrods erstem Turnier an. Der Politikwissenschaftler ließ sie ein wiederholtes Gefangenendilemma gegeneinander spielen. Gewonnen hat das einfachste: „Wie du mir, so ich dir“ von Anatol Rapoport.
Rapoports Programm hat in der ersten Runde mitgemacht und danach einfach das getan, was das Gegenüber in der Runde davor getan hatte. Freundlich, aber nicht naiv. Und vor allem: berechenbar. Falls dir dein Gegenüber im Spiel oben bekannt vorkam, das war es.
Zusammenarbeit ist keine Charakterfrage. Sie hängt davon ab, ob man sich wiedersieht.
Je sicherer wir uns wiederbegegnen, desto mehr lohnt sich Zusammenarbeit.
Axelrod nannte das den Schatten der Zukunft. Wer weiß, dass er morgen wieder mit denselben Menschen am Tisch sitzt, spielt heute fairer. Teams mit hoher Fluktuation, ständigen Umstrukturierungen und reinen Quartalszielen werfen diesen Schatten kaum noch. Dann wundern sich alle, warum jeder nur noch auf eigene Rechnung spielt.
Endliche und unendliche Spiele
Führung ist ein Spiel ohne Ende. Wer es wie ein Quartal spielt, gewinnt die Runde und verliert das Team.
Der Religionswissenschaftler James P. Carse hat 1986 zwei Arten von Spielen unterschieden. Endliche Spiele werden gespielt, um zu gewinnen. Sie haben feste Regeln, bekannte Spieler und ein klares Ende. Unendliche Spiele werden gespielt, um weiterzuspielen. Regeln ändern sich, Spieler kommen und gehen, und niemand gewinnt am Ende.
Viele Konflikte entstehen genau an dieser Stelle. Die Beförderung, das Projekt, das Quartal: endliche Spiele. Ein Team, eine Karriere, eine Beziehung: unendliche Spiele. Wer im unendlichen Spiel endlich spielt, holt sich vielleicht den Punkt und verliert dabei die Mitspieler.
Du kannst das Quartal gewinnen und das Team verlieren.
Was das für Führung heißt
Frag nach dem Spiel. Mach Auszahlungen sichtbar. Ändere die Regeln, statt die Spieler zu verbiegen.
Frag nach dem Spiel.
Die meisten Führungskräfte wissen nicht, worauf ihre Leute optimieren. Nicht, weil es geheim wäre, sondern weil niemand fragt.
Zeig dein eigenes.
Sag offen, worauf du selbst optimierst. Wer dein Spiel kennt, kann sich darauf einstellen, statt zu raten.
Gestalte die Regeln.
Wenn alle auf eigene Rechnung spielen, liegt das selten an den Menschen. Meist belohnt das System genau das. Ändere die Regeln, und das Verhalten folgt.
Frag in deinem nächsten Einzelgespräch: „Woran merkst du, dass ein Arbeitsmonat ein richtig guter war?“ Dann hör zu, ohne zu bewerten.